Archiv

Posts Tagged ‘Interessenkonflikt’

Der Arzt: ein Beruf in Verruf

Bis vor einigen Jahren oder vielleicht auch Jahrzehnten war es noch ganz anders: da hatten sie noch Autorität, Vertrauen und Respekt in der Gesellschaft. Besonders auf dem flachen Land genossen sie das höchste Ansehen und befanden sich in einem kleinen elitären Kreis.

Der Bürgermeister, der Arzt, der Apotheker, der Pfarrer und der Polizist – sie standen per se bei der breiten Bevölkerung in einer herausgehobenen Position.

Dann setzte eine Zeit der neuen Aufklärung ein und vieles wurde hinterfragt, alles wurde anders. Nicht nur für die Ärzte, aber auch und besonders für sie. Dazu kamen die Reformen im Gesundheitswesen, die wiederum eine zunehmende Ökonomisierung zur Folge hatten, die für sich genommen schon geeignet waren, kaum einem Arzt mehr „über den Weg zu trauen“.

Beschwerten sich anfangs immer mehr Patienten und wechselte das Arzt-PatientenVerhältnis immer öfter in ein juristisches Kläger- und Beklagten-Verhältnis einzelner Betroffener, bildeten sich zunehmend auch immer häufiger Vereine und Vereinigungen mit dem Ziel des Patientenschutzes. Selbst Teile der Politik versuchten mit den ihr eigenen Mitteln – tauglich oder nicht – dem Verfall eines Berufsstandes entgegenzuwirken.

Spät, für viele Betroffene zu spät, lösten und lösen sich aber mittlerweile auch immer wieder Vertreter der Ärzteschaft selbst aus dem Morast der systembedingten aber auch standesbedingten Falle der Unglaubwürdigkeit, der Korruption und dem damit einhergehenden Verruf eines gesamten Berufsstandes.

Wird weitgehend immer noch medial wirksam die angebliche Professionalität, Unabhängigkeit und Ehrlichkeit der eigenen Zunft hervorgehoben, ja beschworen, haben Außenstehende schon längst den wahren Zustand erkannt. Wer es aber immer noch nicht wahr haben will, ist der angesprochene Kreis der Ärzteschaft selbst.

Da mutet es schon fast wie eine Fatamorgana an, wenn Aktionen, Vereinigungen oder Initiativen auftauchen wie MEZIS – „Mein Essen zahl‘ ich selbst“, die BUKO Pharma-Kampagne, die Vereinigung Unabhängiger Ärztinnen und Ärzte (Schweiz) oder kürzlich die dem WikiLeaks ähnliche Plattform MEDLEAKS.ORG zur anonymisierten Publikation von Missständen und gravierenden Vorkommnissen im Gesundheitswesen.

Und dann kommt noch eine Initiative, dazu gar von Neurologen aus der DGN (Deutsche Gesellschaft für Neurologie) daher, die aktiv für unabhängige Kongresse und Leitlinien (der med. Kreise) von DGN-Mitgliedern eintritt, ja dezitierte Forderungen an die ärztlichen Kollengen stellt:

Auf dem Portal ruft der Initiator dazu auf, „drei Reformschritte zur Stärkung unserer professionellen Autonomie zu gehen„:

  1. Die DGN-Jahrestagung muss von der pharmazeutischen Industrie entkoppelt werden.
  2. Wer Interessenkonflikte hat, kann nicht Autor einer DGN-Leitlinie sein.
  3. Der DGN-Kongress braucht ein Diskussionsforum zum Thema Interessenkonflikte.

Keine Frage: wir halten sehr viel von diesen Ansätzen, wenn sie ehrlich gemeint sind. Nur die Ankündigung allein beseitigt die Probleme noch lange nicht. Da braucht es schon auf lange Sicht erkennbare Ergebnisse.
Auch wenn der Anstoss dieser Initiative von „NeurologyFirst“ (http://www.neurologyfirst.de) Beachtung und Unterstützung finden sollte, stellt sich für den kritischen Betrachter die Frage, wie viele solcher Versuche und vor allem, welcher Kompetenzen es bedarf, bis tatsächlich ein grundlegendes und glaubwürdiges Umdenken stattgefunden hat. Experten auf diesem Gebiet sind nämlich nicht nur die betroffen aufschreienden Ärzte, sondern vor allem die betroffenen und geschädigten Patienten.

Und wenn auch die Vielzahl der erkennbaren Reformer ermutigen kann, so wird es letztendlich nur in einem Zusammenwirken funktionieren – ein Zusammenwirken aber auch mit den unfreiwillig am Prozess beteiligten Patienten und vielleicht schon Geschädigten.

Offenlegung von Interessenkonflikten – unerwünschte Wirkungen möglich?

22. Mai 2012 1 Kommentar

Ein Beitrag im Forum Gesundheitspolitik („Argumente und Fakten für eine soziale Gesundheitspolitik“; http://forum-gesundheitspolitik.de/artikel/artikel.pl?artikel=2085) ruft geradezu nach einer ergänzenden Stellungnahme. Diese scheint schon aus Gründen der Nachvollziehbarkeit eines notwendigen und deutlich besseren Schutzes von Betroffenen dringend erforderlich. Der Text wurde auf Facebook mit folgender Stellungnahme verlinkt:

Die Beurteilung zur Offenlegung von Interessenkonflikten ist einerseits längst überfällig und zwingend notwendig. Andererseits greifen die Feststellungen – wenn auch in bester Absicht – deutlich zu kurz.

So lautet die Feststellung zu Beginn des Artikels:
Interessenkonflikte finanzieller und nicht-finanzieller Art sind in der Medizin weit verbreitet. Als problematisch gelten sie, weil die Wahrnehmung und Bewertung von Sachverhalten beeinflussen und verzerren können. Beispiele zeigen, dass Wissenschaftler je nach Vorhandensein von Interessenkonflikte identische Daten gegensätzlich beurteilen„,

und in der weiteren Diskussion wird – wenn auch nicht immer nachvollziehbar – auf mögliche Folgen einer Offenlegung eingegangen.

Übersehen wird dabei aber völlig eine weitere nicht unerhebliche, um nicht zu sagen vielfach dramatische Folge: die Fehlinformation von allen (!) Beteiligten, seien es Patienten, Kosten- und Leistungsträger und damit die Gesellschaft an sich, aber auch die Wissenschaft!

Interessenkonflikte haben die Eigenheit, dass die dadurch vertretenen Ansichten vielfach von Meinungsträgern verbreitet und verfestigt werden. Also agressiv zunehmend auch in Lehre, Schulung und Weiterbildung, aber auch bei juristisch relevanten Auseinandersetzungen (Stichwort: Gutachterunwesen, Gefälligkeitsgutachten).
Tatsächlich falsches „Wissen“ wird zumindest lange Zeit ungeprüft in Wissenschaft und Lehre an künftige Generationen weitergegeben – und damit schädigendes Verhalten gegenüber Patienten und Versichertengemeinschaft.

Da scheint auch der kleine Lichtblick am Ende des Artikels wenig Hoffnung zu verbreiten:
Die stärkste Wirkung erziele die Pflicht zur Offenlegung von Interessenkonflikten vermutlich auf die Ärzte selbst. Analoge Beispiele aus anderen Bereichen zeigen, dass Personen das Eingehen von Interessenkonflikten vermeiden, wenn diese schwer vor Anderen zu rechtfertigen sind. Dies dürfte für die Annahme von Geschenken und die Finanzierung von ärztlicher Fortbildung durch die pharmazeutische Industrie durchaus zutreffen.

Es bleibt also für all jene, die sich den Schutz der Patienten zum Ziel gesetzt haben viel Arbeit, viel Geduld und noch mehr an Aufklärung.

%d Bloggern gefällt das: